10. Trinitatis-Sonntag – Predigtgespräch

1. Im Gespräch mit Barths Predigt

1.1 Gottes Allerbarmen predigen – in der Welt einer JVA

Da Barths Predigt nicht an einem „Israelsonntag“ gehalten wurde, spielt das Proprium „Kirche und Israel“ explizit keine Rolle. Von den acht Versen, die für den 10. Sonntag nach Trinitatis in diesem Jahr vorgeschlagen sind, bezieht sich die Predigt Barths nur auf den letzten. Barth legt ihn zwar im Kontext aus, der als „Juden und Heiden“ auch ganz knapp ausdrücklich benannt wird. Aber darüber hinaus spielt das Thema des Sonntags in dieser Predigt keine Rolle.

Für Barth ist 11,32 der Angelpunkt des gesamten Briefes. Für ihn ist er wie ein „in einer ganz harten Schale (verborgener) wunderbarer, kostbarer Kern“, den viele als den Kern der gesamten Theologie Barths verstehen und sie mit Formulierungen wie „Triumph der Gnade“ (Hans Urs von Balthasar) oder „Alles gut“ (Ralf Frisch) umschreiben.

Bekanntlich macht Barth das Allerbarmen Gottes nicht zum Gegenstand einer dogmatischen Lehre, die mit Recht unter Häresieverdacht geraten würde. Das Bonmot „Wer nicht an die Allversöhnung glaubt, ist ein Ochs; wer sie aber lehrt, ist ein Esel“ wird zwar Karl Barth gerne zugeschrieben, stammt aber von Christian Gottlob Barth (1799-1862). Das Allerbarmen Gottes ist für Barth Hoffnung. So heißt es 1922 in seinem Römerbriefkommentar: „Die Kirche hat eine Hoffnung. Dies ist sie. Eine andere hat sie nicht. Möchte sie diese ergreifen.“ Zu dieser Hoffnung ermutigt Barth seine besondere Gemeinde, indem er ihrer facettenreichen Hoffnungslosigkeit in einem Gefängnis widerspricht.

Die seinen Hörern fremden biblischen Wörter „Juden und Heiden“ übersetzt er sofort in die Lebenswelt der Justizvollzugsanstalt. Um seiner Hörer willen kehrt Barth dabei das Argumentationsgefälle des Textes souverän um. Argumentiert der Apostel gegen Hochmut und Arroganz (V.25), die anderen das Erbarmen Gottes absprechen, bestärkt der Prediger vor allem seine Hörer mit dem Zuspruch des Erbarmens. Er baut die von anderen (und vielleicht auch von sich selbst) Verurteilten und Gedemütigten auf, ohne die Wechselseitigkeit von Hochmut und Demut bei Guten und Bösen dabei aus dem Blick zu verlieren. Klettert der Apostel von V. 25 bis V. 32, von Argument zu Argument auf den Gipfel der Argumentation, lässt der Prediger seine Hörer den leichteren Abstieg nehmen, bei dem sie wahrnehmen können, wie die an den Anfang gestellte Wahrheit Schritt für Schritt begründet ist und welche Folgen sie hat. Kundige mögen darin den für Barth zentralen Vorrang von Evangelium vor Gebot, von Hören vor Tun vom Ja vor dem Nein erkennen.

Die drei Schlüsselworte des Textes „eingeschlossen“, „Ungehorsam“, „Erbarmen“ werden in ihrem Spannungsverhältnis zueinander in der Welt der Gefangenen aufgesucht. Für die, die die Predigt außerhalb von Gefängnismauern lesen, kann die Anschaulichkeit der Realität der Gefangenen zu Metaphern werden für ihre eigenen Gefängnisse.

Aufmerken lässt die (besonders für einen Professor) ungewöhnliche Metapher „Kaputtmacher“ für Gott. Sie ist die Gegenmetapher zu der den Hörern wohlvertrauten Figur des Schließers. Damit wird anschaulich: Gottes Einschließen in den Ungehorsam macht die Menschen nicht kaputt, sondern ist die Fremdgestalt von Gottes Erbarmen. Dabei kontrastiert der Prediger die kalten Gefängnistüren mit den zu einer Umarmung ausgebreiteten Armen Gottes, von denen Paulus mit einem Zitat aus Jes 65,2 im engeren Kontext (Röm 10,21) spricht.

Das zweimalige tous pantas in V. 32, das korrekt mit „beide“ oder „alle beide“ zu übersetzen ist, umschreibt der Prediger treffend mit: „du und alle anderen“. So schützt er vor dem Missverständnis, es handele sich um die Allerweltsweisheit „Gott hat alle lieb“, also die unverbindliche profillose Universalität statt um die partikulare Konkretion „Israel und alle Völker“. Für Barth ist sie darin „prägnant“, dass das Partikulare das Universale inkludiert, ohne davon aufgehoben zu werden. Am Ende werden die Hörer gegen vier innere Widerstände ermutigt, aufgerichtet, ins Recht gesetzt und zur Freude angestiftet.

1.2 Gottes Allerbarmen predigen – angesichts des gegenwärtigen realen Judentums

Obwohl meine Gemeinde und vor allem der Kasus meiner Predigt meilenweit entfernt ist von Barths Situation, profitiert sie dennoch von Barths Predigt und ihrem Umfeld. Zu der neuen Perspektive von „Kirche und Israel“ hatte Barth zwar 1942 mit seiner Auslegung von Röm 9-11 und der Revision der traditionellen Erwählungslehre in § 34 in KD II/2 einen wichtigen Beitrag geliefert, begonnen aber hat sie im Januar 1933 mit einem jüdisch-christlichen Dialog im Stuttgarter Lehrhaus, dessen Ergebnis gerne so zitiert wird: „Wenn der Messias kommt, soll er doch selber sagen, wer er ist.“ Das überwindet den christlichen Überlegenheitsdünkel, der das Judentum als defizitär definiert.

Wenn der Messias von keiner der beiden Gruppen als Gegenstand ihrer theologischen Lehre, sondern als lebendiges souveränes Gegenüber gesehen wird, wird ein ergebnisoffener Dialog möglich, ohne das eigene Bekenntnis aufgeben oder auch nur schmälern zu müssen. Faktisch stimmt die Christenheit der jüdischen Position zu „Die Messiasfrage ist offen“, indem sie (selbstkritisch gegenüber der christlichen Tradition) präzisiert „… offen für die Antwort des Messias“. Ganz ähnlich formuliert Dietrich Bonhoeffer 1940: „Der Jude hält die Christusfrage offen“.

Das ist Ausdruck des „eschatologischen Vorbehalts“, unter dem jede biblische Christologie zu stehen hat: der Gekreuzigte und Auferstandene hat sich entzogen und ist deshalb der Kommende. Er lässt auf sich warten und lädt ein in einen jüdisch-christlichen Wartestand. Seine Souveränität öffnet die, die an ihn glauben, für Überraschungen und Ent-Täuschungen. Sie ist eine Art apophatischer Theologie, orientiert am Gottesnamen: „Ich bin, der ich sein werde“ (Ex. 3,14).

Die 1933 im Dialog geborene Einsicht ist nicht nur Basis für den jüdisch-christlichen, sondern für jeden biblisch fundierten interreligiösen Dialog. Das hat Martin Buber mit seinem späteren Bonmot im Blick: „Bevor der Messias spricht, möchte ich ihm zuflüstern: Verrate es nicht!“ Am Ende hat keine Religion zu triumphieren. Triumph kommt einzig dem einzig Einen, der unverfügbaren Gottheit, zu.

Das „Solus Christus“ widerspricht dem nicht. Es ist eine notwendige, aber innerchristliche Unterscheidung und nicht eine Kampfformel gegen Juden, Muslime und andere Religionen: Christus – und nicht das Christentum. Der unverfügbare Christus – und nicht unsere Christologie. Der Unverfügbare wird triumphieren, nicht die christliche Lehre über ihn. Auch Barths „Lichterlehre“ eröffnet diese Perspektive (§ 69 in KD IV/3,1).

Damit, dass diese Erkenntnis jede Form der Judenmission ausschließt, haben sich Theologie und Kirche schwergetan. Selbst auf der rheinischen Landessynode 1980 war das Nein zur Judenmission nur verschlüsselt mehrheitsfähig. Erst 2016 hat die EKD-Synode endlich (überraschend einstimmig) ein Nein zu jeder Form der Judenmission beschlossen.

Friedrich-Wilhelm Marquardt, Schüler Karl Barths, hat darauf gedrungen, dass es nicht nur bei der Verneinung bleiben darf, sondern dass wir zu lernen haben „mit dem jüdischen Nein zu Jesus Christus etwas Positives anzufangen“. Dem will meine Predigt dienen. Zugleich empfehle ich die Predigtmediation, die Magdalene L. Frettlöh für den Israelsonntag am 9. August 2026 geschrieben hat. Sie regt dazu an, darüber nachzudenken, wie die Kirche in der ihr durch das jüdische Nein geschenkten Zeit nicht nur vom Judentum lernen kann, sondern wie sie diese Zeit auch für den Kampf gegen Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit nutzen kann.

1.3 Zur Entstehung meiner Predigt

Ich habe in den achtziger und neunziger Jahren nicht nur am Israelsonntag und nicht nur in meiner Gemeinde in Sankt Augustin mehrfach über Röm 11,25-32 gepredigt. 2014 wurde ich gebeten, die Predigt zu publizieren, in: „So wird ganz Israel gerettet werden“, Arbeitshilfe zum Israelsonntag 2014, Haus kirchlicher Dienste der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers, hg. v. Volker Haarmann, Hanna Lehming, Ursula Rudnik, 37-42; abgedruckt in: Rainer Stuhlmann, Zwischen den Stühlen, Alltagsnotizen eines Christen in Israel und Palästina, Neukirchen 22015, 141-147. Jetzt habe ich die Predigt erneut überarbeitet.

1.4 Literatur

Barth, Karl, Der Römerbrief, München 21922.

Ders., § 34 in: KD II/2, Zürich 1942.

Ders., § 69 in KD IV/3,1, Zürich 1959.

Marquardt, Friedrich-Wilhelm, „Feinde um unseretwillen“. Das jüdische Nein und die christliche Theologie, in: ders., Verwegenheiten. Theologische Stücke aus Berlin, München 1981, 311–336.

Döhling, Jan-Dirk, schildert das Ereignis im Stuttgarter Lehrhaus, zitiert aus Martin Bubers Vortrag und zieht Schlüsse für die Predigt heute. Vgl. ders., „Der da ist, der da war und der da kommt …“. Überlegungen zur Oster- und Pfingstpredigt im Angesicht Israels, GPM 69 (2014), 150–158.

Frettlöh, Magdalene L., Geheimnisvolles Allerbarmen. Paulinische Argumente gegen Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit. Römer 11,25-32, in: GPM 80,3 (2026).