10. Trinitatis-Sonntag – Predigt

Predigt über Römer 11,25-32 für den 09.08.2026

Vom Nutzen des jüdischen Nein zum Messias Jesus

„…damit ihr euch nicht selbst für klug haltet!“ (V.25) Das war also schon damals das Problem. Der Hochmut der Christ:innen. Ihr Überlegenheitsgefühl Juden und Jüdinnen gegenüber. Ihr Dünkel: wir wissen es besser. Wir wissen mehr als die Judenheit. Wir kennen ihren Messias. Wir können sie belehren, sie missionieren.

So nahm der Wahnsinn seinen Lauf: eine bald zweitausendjährige Geschichte der christlichen Judenmission. Nicht erst mit Kaiser Konstantin, nein schon zu Zeiten der Apostel kam es zu dieser schrecklichen Fehlentwicklung. Die Mahnung des Apostels wurde offensichtlich in den Wind geschlagen. Dieses christliche Überlegenheitsgefühl hat durch die Jahrhunderte den theologischen Antisemitismus in der Kirche bestimmt und im 19. Jahrhundert dem modernen Antisemitismus das Feld bereitet und den Boden gedüngt, der schließlich zur Shoa geführt hat.

Seit Jahrzehnten bemühen sich Christ:innen, diese Fehlentwicklung umzukehren. Um 180 Grad. Statt Juden zu belehren, haben wir Christen von Juden zu lernen. Auch um die eigene Religion und Kultur besser verstehen zu können. Radikale Abkehr von christlichem Überlegenheitsdünkel.

Geboren ist die Haltung der Überlegenheit in der Überzeugung „Wir glauben an den Messias Jesus, die Juden nicht. Und darum: Wir sind gerettet, die Juden nicht“. Solche wissenden, zur Judenmission entschlossenen Christ:innen gibt es leider bis heute – nicht nur in Amerika.

Diese Bescheid-Wisser bekommen es hier mit Paulus zu tun. Der Missionar schlechthin liest ihnen die Leviten. Er überführt sie ihres Irrtums und belehrt sie eines Besseren. Er hat dafür Autorität, weil er wie kein anderer mit Eifer missioniert hat. So erfolgreich er bei den Nichtjuden war, sie für den Glauben an den Messias Jesus zu gewinnen, so erfolglos war er bei seinesgleichen, bei seinen jüdischen Freunden, Kollegen, Verwandten. Dieser Misserfolg hat ihm Kummer bereitet. Sein Scheitern hat ihn angefochten und zweifeln lassen. Immer wieder hat er gefragt: Warum? „Warum kommen die, die mir am Herzen liegen, nicht zu der gleichen beglückenden Erkenntnis wie ich selbst?“*

In seinem letzten Brief, dem Brief an die Römer, zieht er das Resümee seiner Anstrengungen. In all seinen Kämpfen um das Ohr und das Herz seiner jüdischen Geschwister hat sich ihm mehr und mehr eine Antwort auf seine Klagen erschlossen, die er selbst ein „Geheimnis“ (V. 25) nennt.

Ein erschlossenes Geheimnis ist keine Allerweltsweisheit, keine Erkenntnis, die offen auf dem Tisch oder gar auf der Straße liegt. Ein erschlossenes Geheimnis ist etwas, das wie ein kostbares Geschenk ausgepackt, ausgewickelt, aufgeschlossen werden will. Der Kern dieser geheimnisvollen Erkenntnis ist mitten in der Tora zu lesen. Gleich nach dem Empfang der Zehn Gebote ist dort von Israels Ungehorsam, seiner Halsstarrigkeit die Rede. An die Stelle des lebendigen Gottes haben sie das Goldene Kalb gegossen. Statt ihrem unsichtbaren Befreier zu trauen, haben sie sich der Sichtbarkeit und Machbarkeit versklavt.

Ungehorsam wird bestraft. Das lehrt uns die Alltagserfahrung. Aber die Tora bürstet den Alltag gegen den Strich. Sie lehrt uns: Trotz allem, Gott bleibt seinem geliebten Volk treu, auch wenn es ungehorsam ist. Gott bleibt seinem Volk zugewandt. Seine ausgebreiteten Arme machen das unübersehbar anschaulich (Jes 65,2; Röm 10,21). Gottes Wort macht Israel lebendig und bewegt es zur Umkehr: „Wem ich gnädig war, dem werde ich auch gnädig sein. Wessen ich mich erbarmt habe, dessen erbarme ich mich auch jetzt und in Zukunft.“ (2.Mose 33,19) Den Satz aus der Tora zitiert Paulus zwei Kapitel vorher (9,15). Und hier resümiert er: „Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen.“ (V. 29)

Es dauert eine Weile bis sich diese außerordentliche Zusage ausfaltet. Paulus ist einen langen quälenden Weg mit vielen Umwegen und Irrwegen gegangen, bis er zu der befreienden Erkenntnis kam: „Ganz Israel wird gerettet werden“ (V.26). Diese im Wort Gottes geborene Zukunftshoffnung erschließt ihm die Rätsel der Gegenwart. Paulus kommt zu drei für ihn neuen Erkenntnissen (V.25):

1. Das Nein Israels zum Messias Jesus ist Gottes Werk und Wille. Gott selbst hat die Ohren der Juden verstopft und das Herz Israels hart gemacht. Gott ist der Urheber von Israels Nein. Darum hat es keinen Zweck dagegen anzurennen. Zu dieser Einsicht kommt der Missionar am Ende, nachdem er Jahre lang gegen dieses Nein angerannt ist. Und wie töricht war die Kirche, es fast 2000 Jahre lang genauso zu machen, statt dieser späten Einsicht des Paulus zu trauen!

2. Dass nur wenige Jüdinnen und Juden den Messias Jesus anerkennen, ist kein Grund, traurig zu sein. Die Existenz dieser wenigen Jüdinnen und Juden ist vielmehr ein Hoffnungszeichen. Auch wenn es nur eine kleine Gruppe ist, die nicht größer wird. Sie sind wie die Erstlingsgabe, wie Sauerteig, wie ein Saatkorn, wie die erste Rate, in der die Rettung des ganzen Israel schon eingeschlossen ist. Mit diesem kleinen Teil ist die Rettung der ganzen Gemeinschaft versprochen.

3. Wenn der barmherzige Gott es ist, der Israels Ohren verstopft und sein Herz hart gemacht hat, dann kann diese Verhärtung nur zeitlich begrenzt, nur vorläufig sein. Sie ist nur eine Etappe auf Gottes Weg mit seinem Volk, an dessen Ende die Rettung aller steht. „Verhärtung“ kommt von Gott. Winzer und Gärtnerinnen kennen das. Wo ein Zweig sich verhärtet, keimen später Knospen, Blüten, Frucht. Da keimt Hoffnung. Verhärtung hat die Hoffnung auf ihr Ende schon in sich.*

Und damit wird der Weg frei, das Nein Israels zum Messias Jesus positiv zu sehen. Wer Juden missionieren will, der sieht dieses Nein als etwas Negatives an. Es ist dann wie ein Hindernis für die Rettung Israels, das durch Judenmission überwunden werden muss. Aber Paulus kann dem Nein Israels zu seinem Messias etwas Positives abgewinnen.

Bisher hatte er nur die Nachteile dieses Neins gesehen, jetzt erschließen sich ihm die Vorteile (11,12). Das Nein Israels dient uns, den Menschen aus der nichtjüdischen Welt, die wir Ja sagen zum Messias Jesus. Und worin besteht dieser Vorteil? Um es vorab ganz knapp zu sagen: Es schenkt uns Zeit und es bewahrt uns vor Hochmut und lehrt uns Demut.*

Das Nein der Juden ist ja nicht unbegründet. Sie haben gute Gründe dafür, Jesus als Messias abzulehnen. Und es tut uns Christ:innen gut, diese Gründe gründlich und ausführlich wahrzunehmen, statt sie vorschnell und selbstgerecht wegzuwischen.

Eine chassidische Geschichte macht das anschaulich. Den Streit zwischen einem christlichen Priester und einem Rabbi über die Frage, ob der Messias schon gekommen sei, beendet der Rabbi damit, dass er dem Priester den Rücken zukehrt und schweigend aus dem Fenster schaut. „Warum redest du nicht weiter?“, fragt der Priester nach einer Weile. „Ich schaue in die Welt hinaus“, antwortet der Rabbi. „Warum?“ „Ich prüfe, ob der Messias schon gekommen ist, ob sich Wolf und Lamm schon liebevoll umarmen (Jes 11,6; 65,25), ob schon die Schwerter zu Pflugscharen geschmiedet sind (Jes 2,4).“

Anwälte der unerfüllten Verheißungen Gottes – das sind Jude und Jüdin mit ihrem Nein im Gegenüber zur Christenheit. Und zugleich sind sie Anwältinnen der Realität. Ihr Nein bewahrt uns davor, zu vollmundig, zu selbstgewiss unseren Glauben an den Messias Jesus zu bekennen. Der, an den wir glauben, ist nicht der strahlende Gottessohn, der keinen Anlass zum Zweifel gibt. Nein. Er ist der missratene Gottessohn, der am Kreuz Gescheiterte. Da ist nichts zu sehen, dass ihn als Retter der Welt auswiese.

Und der Auferstandene? Der Auferstandene ist der, der sich uns entzogen hat. Als Maria von Magdala ihn erkannt hat, entzieht er sich ihr. Als die Jünger in Emmaus ihn erkennen, entzieht er sich ihnen. Der gekreuzigte und auferstandene Jesus macht sich aus dem Staub. Er lässt die, die an ihn glauben, im Staub zurück, ohne dass er ihnen irgendetwas in die Hand gibt. Nichts haben sie in der Hand. Nur im Ohr haben sie seine Zusage „Ich werde wiederkommen.“ Der, an den wir Christen und Christinnen glauben, eben der versetzt uns in den Wartestand. Er weckt unsere Hoffnung, unsere Sehnsucht, unsere Erwartung.

Das jüdische Nein bewahrt uns davor, unsere Glaubenserfahrungen in der Gegenwart schon für die Erfüllung seiner Verheißungen zu halten. Nein, Gottes Verheißungen stehen noch aus. Das jüdische Nein bewahrt uns davor, uns mit der Welt, wie sie ist, abzufinden. Es bewahrt uns davor, einverstanden zu sein, zufrieden zu sein, die Bruchstücke gelingen Lebens schon für das Ganze zu halten. Wir sind – wie Jüdinnen und Juden – unterwegs und noch nicht am Ziel. Mit dem Kommen Jesu ist noch nicht alles vollbracht. Es gibt noch zu viel, was zu wünschen übrig lässt, zu viel, was auf sich warten lässt.*

Und damit kommen wir zu dem zweiten Vorteil, den uns das jüdische Nein zum Messias Jesus bringt. Wenn Gott sich Zeit lässt mit der Rettung Israels und der ganzen Welt, dann schenkt er uns Zeit. Seit bald zweitausend Jahren hat die Kirche Zeit, um von Juden zu lernen. Das meiste von dem, was in einem christlichen Katechismus steht, ist Teil der jüdischen Religion. Allem voran der Glaube an den einzig Einen, die unsichtbare und unverfügbare Gottheit. Und dann die Zehn Gebote, das Liebesgebot, das Gebot der Feindesliebe. Und alle sieben Tage die heilsame Unterbrechung unseres Alltags. Und dann die Hoffnung auf eine Welt, in der Gerechtigkeit und Frieden wohnen. Und wie diese Hoffnung uns heute schon Kraft und Mut gibt, in den uns gesetzten Grenzen das uns Mögliche zu tun.

Wir lernen vom Judentum, dass der Zweifel zum Glauben gehört wie der Schatten zum Licht. Wir haben als Glaubende nichts in der Hand. Mit leeren Händen glauben heißt Warten, Suchen, Fragen, Sehnsucht. In der Juden Schulen lernen wir Christen Demut und wir lernen, unseren Glaubenshochmut und unseren frommen Stolz hinter uns zu lassen.

Und so bekommen wir teil am Glauben der Judenheit, dass Gott sich der Gottlosen erbarmt, dass er die Verworfenen erwählt, dass auch wir als Menschen aus der nichtjüdischen Völkerwelt teilhaben an den Verheißungen für Israel. Dass auch die Feinde des Evangeliums Geliebte werden und die Ungehorsamen erwählt werden (V.28-30).

Juden und Jüdinnen brauchen unsere Mission nicht. Wenn am Ende ganz Israel gerettet wird, dann geschieht das an der Kirche vorbei. Für die Rettung Israels ist die Kirche überflüssig. Die Rettung seines Volkes Israel hat Gott zur „Chefsache“ erklärt. Wahrscheinlich stellt sich Paulus das so vor, wie er es selber vor Damaskus erlebt hat. Keine christlichen Missionare haben aus dem Saulus einen Paulus gemacht, sondern der Herr selbst. So hat Paulus am eigenen Leibe die Grundeinsichten der Tora neu gelernt: Die Verworfenen sind erwählt. Die Gottlosen sind Gott recht.

Die Rettung Israels geht an der Kirche vorbei. Darin liegt eine ungeheure Kränkung für die Kirche. Vielleicht hat die Kirche diese biblischen Einsichten deshalb so gründlich verdrängt, weil sie diese Kränkung nicht aushalten wollte. Weil sie sich selber für zu klug, für zu wichtig und unentbehrlich gehalten hat. Wenn die Rettung Israels zur „Chefsache“ erklärt ist, dann ist kirchliche Judenmission nicht nur nicht geboten, sondern vielmehr nicht erlaubt. Das Unternehmen „Judenmission“ ist eine Anmaßung, Ausdruck christlichen Hochmutes.

Begründet wird diese verwegene und mutige Perspektive mit Worten der Propheten Israels (Jes 59,20; Jer 31,33). Wie Gott selber die Verhärtung Israels bewirkt hat, so wird er am Ende diese auch wieder aufheben, alles Störende wegnehmen und so den Bund mit Israel erneuern (V.26-27). Das wird der „Erlöser vom Zion“ (V.27) tun. Das ist eine Bezeichnung des Gottes Israels (Jes 59,20).

Für Paulus ist natürlich klar, dass der Messias Jesus dabei nicht überflüssig ist. Aber hier redet er weder von Jesus noch von dem Messias. Das ist wahrer Glaube. Er pfuscht dem Herrn nicht ins Handwerk. Er respektiert, dass Gott der Unverfügbare ist. Der Glaubende lässt Gott die Freiheit, wie und als wer er handeln wird. Da ist aller Stolz gebrochen. Das ist das Ende jedes christlichen Triumphalismus. Auch am Ende haben die Christen den Juden nichts voraus. „Gott hat beide eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich beider erbarme.“ (V.32) Das ist wahre Demut. Und diese Demut führt zu einer großen Gelassenheit.*

Davon erzählt eine Geschichte. Vor hundert Jahren fanden Juden und Christen im Stuttgarter Lehrhaus zum Dialog. „Fast zweitausend Jahre lang haben wir darum gestritten“, sagten sie, „ob Jesus von Nazaret der kommende Messias ist oder nicht. Lasst uns diesen Streit beenden und das tun, was wir gemeinsam können, nämlich auf ihn warten und bis dahin zum Wohl der Welt das Unsere tun! Und wenn der Messias kommt, soll er doch selber sagen, wer er ist.“ Diese Vereinbarung war der erste Schritt zur Erneuerung des Verhältnisses von Juden und Christen.

Der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber aber fand den Streit damit nicht geschlichtet, sondern nur verschoben. Vor seinen Augen erschienen hinter dem kommenden Messias die gleichen Besserwisser mit ihrem „Siehste, wir haben recht“. Auch am Ende hat ja nicht eine Religion über die andere zu triumphieren. Zu triumphieren hat nur der einzig Eine, die unverfügbare Gottheit. Darum fügt Martin Buber hinzu: „Bevor der Messias spricht, möchte ich ihm zuflüstern: Verrate es nicht!“ Und der Friede Gottes…