10. Sonntag nach Trinitatis 2026

Alle!, Predigt zu Römer 11,32 (1957)

Gebet vor der Predigt: Herr unser Gott, du willst, daß die Menschen, und so heute auch wir in
diesem Hause, dein tröstendes und mahnendes Wort hören, dich anrufen, dich loben. Es ist
deine unverdiente Freundlichkeit, daß du es so haben willst. Denn was sind wir vor dir und für
dich? Aber du hast uns gerufen, und wir haben deinen Ruf gehört. Und da sind wir nun zu
sammengekommen: deine Geschöpfe in all der Schwachheit, Dunkelheit und Widerspenstig
keit, die in uns ist — deine Kinder, die du liebst, auch wenn wir dich kaum und sicher gar
nicht recht lieben — deine Gemeinde, die hier wie überall in der Welt eine wunderliche Schar
ist, in der du aber dennoch gegenwärtig sein, mit der du dennoch etwas anfangen willst.
Und nun warten wir, ganz und gar auf dich angewiesen, auf dich: auf deinen guten, heiligen
Geist und seine Gaben. Mache du diese Stunde hell, dir wohlgefällig und für uns hilfreich und
fruchtbar! Laß es von dir her geschehen, daß, was wir hier menschlich beten, reden, singen,
Kraft und Wahrheit habe, aus unseren Herzen komme und uns wieder zu Herzen gehe! Sei du
jetzt unser Meister, unser Lehrer, ein starker, gütiger Herr über Alles, was in dieser Stunde in
einem Jeden von uns vorgehen mag!
Im Namen deines lieben Sohnes, in welchem du auch uns deine freie Gnade erwiesen hast und
immer wieder offenbar machen willst, beten wir zu dir, wie er uns vorgebetet hat: Unser Vater
… Amen!
Gott hat Alle eingeschlossen in den Ungehorsam, um sich Aller zu erbarmen! (Römer 11,32)
Meine lieben Brüder und Schwestern!

Meine lieben Brüder und Schwestern!
Ihr habt sicher sofort gemerkt, daß das ein nicht so ganz leicht zu verstehendes Wort ist. Und
ich gestehe euch offen, daß ich selbst, nachdem ich in einem nun schon ziemlich langen Le
ben immer wieder im Römerbrief des Paulus gelesen habe, mit so Vielem, was darin, was in
der Bibel überhaupt steht, und so auch mit diesem Won noch lange nicht fertig geworden bin.
Es gibt mir immer neu zu denken. Eines aber ist sicher, daß gerade in diesem Wort wie in ei
ner ganz harten Schale ein wunderbarer, kostbarer Kern verborgen ist. Und nun gebe Gott,
daß ich euch wenigstens etwas davon zeigen darf, was das heißt: daß Gott Alle in den Unge
horsam eingeschlossen hat, um sich Aller zu erbarmen!
Um sich Aller zu erbarmen! Mit diesem Zweiten wollen wir anfangen. Denn das ist so etwas
wie ein Berg, den man nicht erklettern kann, auch nicht in Gedanken, auch nicht in einer Pre
digt, sondern von dem man eigentlich nur herunterkommen kann. Auch der Apostel Paulus
hätte das Erste: daß Gott Alle eingeschlossen hat in den Ungehorsam, nicht sagen können,
wenn er nicht zuerst und vor allem das Zweite gewußt und bedacht hätte: daß Gott sich Aller
erbarmt. Es bleibt uns schon nichts Anderes übrig: auch wir müssen mit diesem Zweiten an
fangen.
Wir müßten ja Weihnacht und Karfreitag und Ostern vergessen haben, müßten Jesus Christus
beiseite lassen, wenn wir es anders halten wollten. Wer ihn kennt, der weiß, daß man ihn nicht
nur nicht beiseite lassen kann, sondern daß wir in unserem ganzen Denken und Leben immer
nur bei ihm, mit ihm, d.h. aber damit anfangen können (wie mit dem Buchstaben A als dem
Anfang des Alphabets!): daß Gott sich Aller erbarmt hat, erbarmt und erbarmen will und wird,
daß Gottes Wollen und Vollbringen bestimmt und regiert ist durch sein Erbarmen. Darüber
hat er selbst uns eben in Jesus Christus Bescheid gesagt, und das nicht nur mit Worten,
sondern mit seiner größten, gewaltigsten Tat: indem er selbst sich in diesem seinem lieben
Sohn für uns dahingegeben hat, ein Mensch, unser Bruder geworden ist. Das ist die Tat und in
dieser Tat das Wort von Gottes Erbarmen über Alle. Daran dürfen und sollen wir uns halten,
damit immer wieder neu anfangen.
Daß Gott sich unser erbarmt, heißt einfach: daß er trotzdem zu uns Ja sagt, daß er es trotzdem
mit uns halten, trotzdem unser Gott sein will. Trotzdem: weil wir das nämlich nicht verdient
haben, weil er — so sollte man denken — eigentlich zu uns allen Nein sagen müßte. Er sagt
aber nicht Nein, sondern Ja. Er ist nicht gegen uns, sondern für uns. Das ist Gottes Erbarmen.
Es ist aber im Unterschied zum Erbarmen auch der freundlichsten Menschen ein allmächtiges,
und zwar ein allmächtig errettendes, hilfreiches, ein Licht, Frieden und Freude bringendes, ein
solches Erbarmen, bei dem wir nicht zu befürchten haben, daß es eine Grenze haben, daß es
da einen Vorbehalt geben möchte. Es ist ein Ja, in welchem keine Dunkelheit ist, bei dem wir
nicht zu besorgen haben, daß es plötzlich doch wieder ein Nein sein möchte.
Und es ist Gottes Erbarmen, eben weil es sein und kein menschliches Erbarmen ist, ein sol
ches, das — in unserem Text liegt darauf der Nachdruck — uns allen zugewendet ist. Im Rö
merbrief des Paulus bedeutet das: den Juden und den Heiden, d.h. denen, die Gott nahe oder
wenigstens näher sind, und denen, die ihm fern sind, und also den sogenannten Frommen und
den sogenannten Ungläubigen, den sogenannten Guten und den sogenannten Bösen: Allen.
Gott erbarmt sich Aller: eines Jeden in seiner Weise, aber eines Jeden. Es ist wirklich so, wie
es in einem Volkslied heißt, das ihr vielleicht auch schon gehört habt: «Gott verläßt die Wüs
ten nicht!» Nein, wirklich auch sie nicht. Wie es in den Gleichnissen vom verlorenen Schaf,
vom verlorenen Groschen und vom verlorenen Sohn [Lk. 15] beschrieben ist, so verhält es
sich mit Gottes Erbarmen.
Aber laßt uns einen Augenblick innehalten: Weil es laut Gottes heiligem Wort, das er in Jesus
Christus gesprochen hat, so ist, daß er sich Aller erbarmt, darum darf und darum soll ein Jeder
von euch — nicht mir, aber Ihm das nachsprechen: Ich bin auch Einer von diesen Allen. Und
also hat sich Gott auch meiner erbarmt, erbarmt er sich auch meiner und wird er sich auch
meiner erbarmen. Das wäre die große Sünde, wenn Einer von euch jetzt denken würde: Das
geht mich nicht an. Meiner hat Gott sich nicht erbarmt, will und kann er sich nicht erbarmen.
Oder gar: Das habe ich nicht nötig! Das begehre ich nicht! Das wäre die große Sünde, die wir
jetzt nicht begehen wollen. Gott erbarmt sich Aller, also auch meiner und also auch deiner.
Und also darf und soll auch ich, darfst und sollst auch du von seinem Ja, das er zu allen Men
schen und auch zu uns gesprochen hat, leben: heute, jetzt und hier leben!
Aber halt, noch einen Augenblick! Weil es laut des Wortes, das Gott in Jesus Christus gespro
chen hat, so ist, daß er sich Aller erbarmt, darum dürfen und müssen wir in unseren Herzen
auch das nachsprechen: Zu diesen Allen, derer Gott sich erbarmt, gehören auch dieser Mann
und jene Frau dort, gehört auch der andere Mensch da neben mir, da vorne oder da hinten,
auch der Mensch, an den ich nicht so gern denke wie an mich 96 selber: der Mensch, der mir
vielleicht etwas angetan hat oder sonst nicht gefällt, den ich wohl gar für meinen Feind halten
muß und dem ich wiederum feind bin. Gott hat sich Aller erbarmt, auch dieses anderen Men
schen. Sein Ja gilt auch ihm. Und das wäre noch einmal und in schlimmerer Form die große
Sünde, die wir nicht begehen wollen: wenn wir irgend Jemand ausnehmen möchten von die
sem Ja Gottes, von seinem Erbarmen. Das geht nicht. Wir dürfen und sollen mit jedem Ande
ren in Gedanken, Worten und Taten leben als mit Einem, dessen Gott sich auch erbarmt hat.
Es heißt ja nicht nur: Herr, erbarme dich meiner! sondern: Herr, erbarme dich unser, unser al
ler! So hat die christliche Kirche von Anfang an gebetet, und nur so können auch wir wahrhaft
beten.
Das ist es, was in Kürze von Gottes Erbarmen zu sagen ist. Das ist die Höhe, von der wir un
ter allen Umständen herkommen dürfen.
Eben von dieser Höhe gilt es nun aber auch hinunterzusteigen in die Tiefe des Ersten, das wir
gehört haben: um sich Aller zu erbarmen, hat Gott Alle eingeschlossen in den Ungehorsam.
Eingeschlossen! Über die nächste Bedeutung dieses Wortes will ich in diesem Haus, in wel
chem es so viele verschlossene Türen gibt, kein einziges Wort verlieren. Der Mensch kann
noch ganz anders und viel schlimmer eingeschlossen sein, als ihr es hier seid. Eingeschlossen
vielleicht in ein Leid, das ihn betroffen hat und das nun aus seinem Herzen und Leben nicht
mehr weichen will! Eingeschlossen in einen Kummer, Zorn und Haß, den er gefaßt und viel
leicht mit Recht gefaßt hat, gegen Menschen, die ihm ein Unrecht, etwas Böses oder Unge
schicktes angetan haben! Eingeschlossen in eine fatale Neigung oder Gewohnheit, die ihm
vielleicht schon von Jugend an anhaftet! Eingeschlossen in die Not einer körperlichen Krank
heit wie die Menschen da drüben in den Spitälern! Ein großer Teil der heutigen Menschheit
ist eingeschlossen in das gegenseitige Mißtrauen, in die bittere Feindschaft zwischen West
und Ost, zwischen der sogenannten «freien Welt» und der Welt des sogenannten Sozialismus.
Und wir alle mögen uns wohl eingeschlossen vorkommen in die große, wirklich drohende
Sorge vor einem kommenden dritten Weltkrieg und vor den Bomben, mit denen die Men
schen einander dabei zu bewerfen gedenken. Schließlich noch etwas ganz Einfaches, das ich
auch gleich zuerst hätte nennen können: wir alle sind eingeschlossen in die Grenzen unseres
einzigen, so kurzen Lebens, in die Grenzen unserer Geburt und unseres Todes, der einmal
kommen wird.
Immerhin: Alles, was ich da genannt habe, sind Türen, hinter denen wir eingeschlossen sind,
aber solche, die sich auch einmal öffnen könnten und die schon jetzt ihre Spältchen haben,
durch die man hinausblikken kann. Sogar über die harte Tatsache, daß wir einmal sterben
müssen, kann sich der Mensch bekanntlich wenigstens in Gedanken hinwegsetzen.
Hinter einer Türe aber sind wir alle fest und endgültig und ohne von uns aus hindurchblicken
zu können, eingeschlossen: Gott hat uns alle eingeschlossen in den Ungehorsam. Was heißt
das? Was ist das für ein Einschließen?
Es besteht darin, daß Gott in seinem unfehlbaren Wissen weiß und in seinem irrtumslosen
Wort sagt, wer und was wir alle sind — in Wahrheit und im tiefsten Sinn: Ungehorsame.
Nicht nur Ungehorsame gegen Eltern und Lehrer und Vorgesetzte, wie wir es in unserer Ju
gend oft genug waren, oder Ungehorsame gegen die menschliche Sitte und Gesetzgebung
oder auch Ungehorsame gegen unser Gewissen. Das waren und sind wir freilich auch. Aber
das sind wir nicht alle gleichmäßig und auch nicht ganz und gar und auch nicht endgültig.
Gott weiß 98 und sagt aber, und das ist sein «Einschließen», daß wir vor ihm und gegen ihn
Ungehorsame sind. Was heißt das? Es bedeutet nicht notwendig, daß Einer ein Gottesleugner
ist, der geradezu denkt und sagt: es gibt keinen Gott. Ich glaube, es gibt nur ganz wenige sol
che ausgesprochene Gottesleugner, und die das sind, sind vielleicht nicht einmal immer die
Schlimmsten. Gott ungehorsam sein heißt aber: daß wir ihn, ob wir an ihn glauben oder nicht
glauben, einen guten Mann sein lassen, dem gegenüber wir uns in unserem Herzen, in unseren
Gedanken, in unserem Leben vorbehalten, unseren eigenen Weg zu gehen. Gott ungehorsam
sein, heißt in seinem innersten Herzen und dann auch mit seinem Leben sagen: es gibt keinen
Gott [vgl. Ps. 14, 1]. Und das ist es, was wir beständig tun. Das ist der Ungehorsam, ist der
Aufruhr, die Rebellion und Revolution, mit der wir das ganz Unmögliche unternehmen — ungefähr so etwas wie offenbar die Besteigung der Eigernordwand. Wer aber Unmögliches unternimmt, der macht sich unmöglich und kann darum nur zugrunde gehen. Daß wir das tun,
daß wir so dran sind, daß wir solche Eigerwandbesteiger sind, das weiß Gott von uns, und das
sagt er uns auch, und das ist die Türe, die keinen Spalt hat und an der man vergeblich rüttelt.
Dagegen, daß wir solche Ungehorsame sind, gibt es keinen Widerspruch. Das ist so wahr, wie
es wahr ist, daß Gott Gott ist und daß wir wir sind.
Und nun liegt wieder aller Nachdruck darauf, daß es Alle sind, die Gott eingeschlossen hat in
den Ungehorsam. Alle, auch mich, der euch hier die Sonntagspredigt hält? Ja, auch mich.
Auch die Braven oder doch Bräveren unter euch? Ja, auch sie. Auch die Brävsten, die es in
der Welt schon gegeben hat und noch geben mag? Ja, sie auch! Gott weiß es, und Gott sagt es:
Alle, Jeden in seiner Weise, aber Jeden.
Wir müssen wieder einen Augenblick innehalten. Weil auch 99 das uns alle angeht, darum
soll sich jetzt Keiner von uns heimlich davor behüten und Keiner an Andere denken wollen,
die das mehr angehen möchte als ihn, Keiner sich selbst für eine Ausnahme oder wenigstens
für eine halbe oder Viertels-Ausnahme halten. Meine Brüder und Schwestern, es hängt Alles
daran, daß man gerade hier nicht an ein Entschlüpfen denkt. Nicht nur darum, weil man hier
nicht entschlüpfen kann, sondern weil es uns nicht gut wäre, wenn wir hier entschlüpfen wür
den. Unser Friede und unsere Freude, die ganze Aussicht auf unser zeitliches und ewiges Heil
steht und fällt damit, daß wir das nicht ableugnen, sondern bekennen, daß wir dagegen nicht
aufmucken, sondern gerade das wahr sein lassen: Gott hat auch mich und dich eingeschlossen
in den Ungehorsam.
Er tut das nicht, um uns zu erniedrigen, klein zu machen und bloßzustellen. Nochmals: Gott
ist nicht gegen, sondern für uns. Der Heiland ist, wie ein großer Gottesmann mit Recht gesagt
hat, kein Kaputtmacher. Es sind, wenn ich es so ausdrücken darf, schon die Arme seiner ewi
gen Liebe, die er gegen uns ausbreitet, indem er uns einschließt in den Ungehorsam. Gerade
das tut er ja, um sich Aller zu erbarmen. Denn indem er uns alle einschließt in den Ungehor
sam, hält er uns alle beieinander wie ein Hirte seine Herde, hält er uns in Ordnung, am Zügel
und bei der Stange, stellt er uns genau an den Ort, wo sein Erbarmen am Werk und offenbar
ist, versammelt er uns zu seiner Gemeinde, versetzt er uns in die Gemeinschaft mit unserem
Herrn Jesus Christus.
Denn damit hat er ja Jesus Christus zu unserem Heiland gemacht, daß er ihn, seinen eigenen,
seinen lieben und gehorsamen Sohn als einen Ungehorsamen an unsere Stelle treten und an
unserer Stelle sterben ließ. Er hat ihn, wie wieder Paulus in einem anderen, ebenfalls nicht
leicht verständlichen Wort 100 gesagt hat: für uns zur Sünde gemacht [2. Kor. 5, 21]. Und da
rin war ihm Jesus Christus gehorsam, daß er sich gerade dagegen nicht auflehnte, sondern
Solches sich gefallen ließ. Daraus folgt aber: Um zu ihm zu gehören, um des ewigen Erbar
mens, das Gott uns in ihm erwiesen hat, um unserer Errettung durch ihn teilhaftig zu sein und
sich freuen zu dürfen, um in der Kraft dieses Erbarmens, dieser Errettung leben zu dürfen,
bleibt uns nichts übrig, als uns das auch widerfahren zu lassen: von Gott eingeschlossen zu
sein in den Ungehorsam.
Von daher zum Schluß einige Fragen und gleich auch Antworten:
Du möchtest Mut, neuen Lebensmut fassen? Ja, das darfst du und das sollst du auch. Der re
elle Lebensmut ist aber der Mut der Demut solcher Menschen, welche, eingeschlossen in den
Ungehorsam, des göttlichen Erbarmens teilhaftig und dessen gewahr geworden sind. Solche
Menschen werden und sind mutige Menschen.
Du möchtest recht haben? Ja, wir möchten alle recht haben, und du sollst auch recht bekom
men: von Gott und vor Gott recht bekommen, auch wenn du vor den Menschen unrecht hast,
auch wenn dein eigenes Gewissen dir unrecht gibt. Du wirst aber merken, daß du von Gott
recht bekommst und hast — in dem Augenblick, wo du es zugibst (aber ohne Vorbehalt und
aufrichtig zugibst!), daß du vor ihm, gerade vor Gott, im Unrecht bist.
Du möchtest in die Höhe, so richtig wieder in die Höhe kommen? Ja, du darfst und du sollst
es. Nur muß ich eine Gegenfrage stellen: Bist du schon einmal so recht in der Tiefe gewesen,
nicht nur in der Tiefe irgend eines äußeren oder inneren Elends, sondern in der Tiefe, wo der
Mensch einsehen muß, daß er sich selbst nicht mehr helfen, daß auch kein anderer Mensch
ihm helfen kann — in der Tiefe, wo es außer Gottes Erbarmen keine, gar keine Hilfe gibt? In
dieser Tiefe bist du von Gottes Erbarmen schon erreicht, schon gefunden, und daß Gottes Er
barmen dich in die höchste Höhe tragen wird, das wirst du dann auch sehen und erfahren dür
fen.
Endlich: Du möchtest Freude haben. Ja, das möchten wir alle, das dürfen und sollen wir auch.
Die rechte, die dauerhafte, die wirkliche Freude fängt aber ganz still, unscheinbar und verbor
gen damit an, daß du nicht mehr, nichts Anderes sein willst als Einer von den Allen, die Gott
eingeschlossen hat in den Ungehorsam, um sich ihrer aller zu erbarmen. Sie fängt also damit
an, daß wir uns beides, Gottes Erbarmen und Gottes Einschließen, ohne Widerspruch und
ohne Widerstand gefallen lassen. Amen.
Schlussgebet:
Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist! Nun laß uns nicht auseinandergehen, ohne daß dein gü
tiges und strenges Wort uns begleite: einen Jeden an seinen Ort — hinein in seine besonderen
Erfahrungen, Anliegen, Sorgen und Erwartungen — hinein in diesen ganzen Sonntag und in
die vor uns liegende Woche! Sei und bleibe du gegenwärtig und wirksam in diesem Hause,
bei Allen, die hier wohnen! Wehre du allen bösen Geistern, die uns oft zu stark sind! Erhalte
du uns das Licht, das uns so oft wieder verlöschen will!
Wir bitten dich um dasselbe für Alle, die sich an diesem Tag hier und anderwärts in deinem
Namen versammeln, und für die Welt, die ein mutiges, klares und fröhliches christliches
Zeugnis so nötig hat. Deiner Treue befehlen wir besonders auch unsere Angehörigen an. Wir
bitten dich um Weisheit für die Mächtigen dieser Erde, die da in deinem Auftrag für Recht
und Frieden sorgen sollten — um Nüchternheit für die, die Tag für Tag unsere Zeitungen
schreiben — um Liebe und Beständigkeit für alle Eltern und Lehrer — um heitere Verträg
lichkeit in allen Familien und Häusern — um offene brüderliche Herzen und Hände für die
Armen und Verlassenen — um Erleichterung und Geduld für die Kranken — um die Hoff
nung des ewigen Lebens für die Sterbenden.
Und wir danken dir, daß wir das alles vor dir ausbreiten dürfen: vor dir, der du ja viel besser
weißt als wir, was wir brauchen und was deiner schwachen Kirche und der armen verwirrten
Welt zum Besten dient — vor dir, der du helfen kannst und willst, weit hinaus über unser Bit
ten und Verstehen.
Wir sind in deiner Hand. Wir beugen uns unter dein Gericht, und wir rühmen deine Gnade.
Amen.
Quelle: Karl Barth, Den Gefangenen Befreiung. Predigten aus den Jahren 1954-59, Zollikon:
Evangelischer Verlag, 1959, S. 92-102.