Pfingstmontag – Predigt

Besser abschließen?

Besser abschließen! Und um sicher zu gehen, den Schlüssel zweimal umdrehen. Von außen könnte kommen, was uns gefährdet, angreift, in Frage, vor die Entscheidung oder bloßstellt. Besser abschließen! Und dann nur noch im engsten Kreis miteinander reden, uns einander unserer Furcht vor dem da draußen bestätigen. Wir können gut verstehen, dass die Jünger das so gemacht haben. Nach allem, was sie in den letzten Tagen erlebt haben, konnten sie doch kaum damit rechnen, dass die da draußen es gut meinen mit ihnen. Mit Jesus hatten sie es ja auch nicht gut gemeint. Und da würde es ihnen doch gewiss nicht anders gehen. Wir können gut verstehen, dass die Jünger sich so eingeschlossen haben. Wir machen es auch so. Besser unter uns bleiben, denken wir furchtsam, denken wir mutlos. Besser nicht den Anfragen derer da draußen ausgesetzt sein, den Angriffen. Was sollen wir da schon entgegnen und gegenhalten? Gehört ihr zu diesem Jesus? Wie nennt ihr ihn? Was bedeutet er für euch? Ihm vertraut ihr im Leben und im Sterben? Oder einfacher, aber aktueller bei uns: Du gehörst zur Kirche? Du glaubst an diesen Jesus? Besser abschließen! Und um sicher zu gehen, den Schlüssel zweimal umdrehen. Was für uns unangenehme Fragen sind, ist gefährlich für Christinnen und Christen in manchen Ländern, die keine Religionsfreiheit bieten. Besser abschließen! Und um sicher zu gehen, den Schlüssel zweimal umdrehen.

Jesus kommt

So sehr eingeschlossen, verbarrikadiert können die Freundinnen und Freunde Jesu gar nicht sein, dass er nicht doch seinen Weg zu ihnen fände. So verängstigt und eingeengt und friedlos können wir gar nicht sein, dass er uns nicht seinen Frieden sagt und bringt und uns in die Freiheit der Kinder Gottes führt, aus der Enge in die Weite. Denn wer aus seinem Grab gestiegen ist, steigt auch in unsere mit Angst verschlossenen Häuser und Kirchen, Herzen. Von unseren geschlossenen Türen lässt Jesus sich nicht abhalten. Auch wenn wir uns verstecken, wenn die Angst uns bewegt, uns von den Menschen zurückzuziehen, wenn wir uns nichts mehr zutrauen, wenn wir uns nicht mehr vom Fleck und aus der Komfortzone bewegen wollen – Jesus dringt zu uns durch und befähigt uns und ermutigt uns. Ich hatte diesen Gedanken ja schon vor lauter Furcht aufgegeben: Dass ich etwas kann und etwas will.

Die Freude ist groß

Von der Freude der eingeschlossenen Jünger wird erzählt – als sie Jesu Wunden sehen. Das verstehe, wer will! Die Jünger müssten sich doch genau über Jesu Wunden und ihre Angst erschrecken. Sie sehen sein Leiden, seinen Tod. Aber sie sehen eben auch sein Leben aus dem Leid und dem Tod. Und ahnen ihr Leben, hören vom Frieden. „Da freuten sich die Jünger, weil sie den Herrn sahen.“ (ZÜ)

In diesem verschlossenen Haus leuchtet die Freude auf, ein Strahlen huscht über ihre Gesichter. Unvorstellbar war bis vor einem Augenblick diese Wiederkehr der Freude, undenkbar, dass ihre Gemeinschaft mit Jesus wiederauflebt. „Da freuten sich die Jünger, weil sie den Herrn sahen.“ Am Anfang christlichen Glaubens steht die Freude über den auferstandenen Jesus Christus, darüber, dass Gott durch Leiden und Tod hindurch begleitet und befreit. Diese Freude steht am Anfang, sie ist das Prinzip des Glaubens. Christus tritt in unsere verschlossenen, verängstigten und verengten Herzen – am Pfingstmontag wie am Ostermorgen. „Da freuten sich die Jünger, weil sie den Herrn sahen.“

Und in unsere Kirchen tritt Jesus und zeigt sich uns und sagt, wohin es gehen kann. Der Auferstandene überwindet verschlossene Türen. Uns abzuschotten von Entwicklungen, ängstlich unter uns zu bleiben, ängstlich auf die bloßen Zahlen der Kirchenmitglieder zu starren, nur noch miteinander und im Flüsterton zu reden von jener vermeintlich guten, alten Zeit, in denen die Kirche noch selbstverständlich und selbstsicher eine wichtige Rolle spielte in Staat und Gesellschaft – das ist alles verständlich, aber ohne Zukunft, in die wir ohne Freude nicht gehen können. „Da freuten sich die Jünger, weil sie den Herrn sahen.“

Wir werden ausgesandt

Wir werden in die Bewegung Jesu vom Vater zu den Menschen hineingenommen. Er geht mit uns seinen Weg, nicht unseren eigenen Weg, der sich immer als Irrweg herausstellt. Auf seinen Weg sind wir gewiesen und ausgesandt, befähigt und empowert, gut zugerüstet mit dem Geist: Der Auferstandene pustet seine Jünger:innen an, um ihnen seinen Geist zu geben – das erklingt zunächst eigenartig und lässt die Theolog:innen unter uns vielleicht denken an den Streit über das filioque, über die besonders im vierten Jahrhundert umkämpfte Frage, ob der Heilige Geist auch „aus dem Sohn hervorgeht“ – hier hätten wir dazu einen biblischen Beleg. Aber das Anpusten erinnert auch an den Atem Gottes, der dem Menschen das Leben einhaucht (Gen 2,7 [vgl. Ps 104,30]). „Gott gab uns Atem, damit wir leben“, singen wir (EG 432). Die Jünger werden angepustet – nichts weniger als ein neues Leben also. Eines jedoch, das verborgen sein kann, nicht so ohne weiteres zu sehen (wie Jesu Wunden und das Leid und der Tod), nur eben zu spüren. „Wind kannst du nicht sehen, ihn spürt nur das Ohr“ singen wir zu Pfingsten (EG. RWL 568).

Der Weg des Auferstandenen geht auch in unseren Schritten und Worten weiter – hin zu den Menschen. Und wir hören hier genauer von den Menschen, die mit ihren „Sünden“ behaftet werden, die ganz vom Scheitern ihres Lebens und ihrer Liebe gesehen werden, von sich selbst und anderen. Die von Jesus ausgesandt werden, die von Ostern her leben, die Jesu guten Geist lebendig in sich spüren, die sollen in der Begegnung mit diesen Menschen spüren, wie Jesus Leben heil macht und unsere kleine Liebe schätzt und groß macht.

Nie wieder eingeschlossen


Der auferstandene braucht die Tür nicht, nicht zum Hineingehen, nicht zum Herausgehen, von dem übrigens nicht erzählt wird. Die aufgeschlossene Tür brauchen aber die Jünger und wir. Dass sie die Tür aufgeschlossen hätten, auch davon wird nicht erzählt. Ob der Auferstandene selbst das en passant gemacht hat? Wer weiß! Jedenfalls gehen wir, sobald der Heilige Geist da ist, den Weg hinaus zu den Menschen als Jesu Weg, als seinen Weg in die Welt. Und wir gehen an Pfingsten mit Freude: „Da freuten sich die Jünger, weil sie den Herrn sahen.“