Das Leben in seinem Namen
Der Predigttext
19 Es war am Abend eben jenes ersten Wochentages – die Jünger hatten dort, wo sie waren, die Türen aus Furcht vor den Juden verschlossen -, da kam Jesus und trat in ihre Mitte, und er sagt zu ihnen: Friede sei mit euch! 20 Und nachdem er dies gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und die Seite; da freuten sich die Jünger, weil sie den Herrn sahen. 21 Da sagte Jesus noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. 22 Und nachdem er dies gesagt hatte, hauchte er sie an, und er sagt zu ihnen: Heiligen Geist sollt ihr empfangen! 23 Wem immer ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr sie festhaltet, dem sind sie festgehalten. (ZÜ 2007)
1 Barths Predigt
Am Sonntag Quasimodogeniti 1937 predigt Karl Barth in der Heiliggeistkirche in Bern; sein Schwager Karl Lindt ist dort Pfarrer. Seinerzeit war Joh 20,19-31 Evangelium dieses ersten Sonntags nach Ostern. Barth legt diesen aus zwei Teilen bestehenden Text seiner gewohnt langen Predigt zu Grunde. Johannes erzählt von der Erscheinung des Auferstandenen im Kreis der Jünger:innen (V. 19-23) und lässt mit guter Überleitung (V. 24f.) die Perikope vom „ungläubigen“ Thomas folgen (V. 26-29), der eine Schlussnotiz für das gesamte Evangelium folgt (V. 30f.; Zeichen und Glaube an Christus als Gottessohn).
Der biblische Predigttext wird zu Beginn verlesen. Die Predigt beginnt dann mit dem letzten, also zur Thomas-Perikope gehörenden Satz des biblischen Textes: „…auf dass ihr durch den Glauben das Leben habet in seinem Namen“ (V. 31). Diesen Halbsatz legt Barth zunächst als Homilie, Wort für Wort, aus. „Ihr“ meint die Menschen aller Zeiten und Gemütslagen, nicht zuletzt eben auch die Predigthörenden. „Durch den Glauben“ als die Zustimmung zu Gottes Wort in Vertrauen und Gehorsam. Und „Leben“ ist das „Leben derer, die getröstet sind alle Tage“. Und „in seinem Namen“ bezeichnet das extra nos, den „anderen, fremden, heiligen Namen“ und damit dessen Grund und Wahrheit: Jesus Christus.
Danach dient er ihm als Grundmotiv der Predigt. Zunächst stellt sich die Frage, ob und wie es zu diesem Glauben kommen kann. Glaube entsteht durch das Evangelium, genauer durch die in diesem Buch beschriebenen Zeichen Jesu (58). Die zweifache Notiz, dass Jesus bei einer Gruppe eintritt, wird zugespitzt auf die Aussage, dass es sich dabei genau um die zwölf Apostel handele; daher: „Es bedarf dieser Apostel, dieser auserwählten Menschen dazu, dass ihr, dass wir durch den Glauben das Leben haben in seinem Namen.“ (58)
Zweifach werden auch die verschlossenen Türen genannt – ein Zeichen dafür, dass es sich um ein Geschehen handelt wie das Kommen Gottes zu den Menschen. (59) Neben den Aposteln bedarf es für unser „Leben in seinem Namen“ also „Gottes selber, […] seiner Allmacht, seiner Verborgenheit und seiner Wirklichkeit“ (59).
Dreimal lesen wir den Friedensgruß „Friede sei mit euch!“ – dieser war seinerzeit üblich, in ihm äußert sich Gottes Menschlichkeit (60). Dies ist das dritte, was es zu unserem „Leben in seinem Namen“ braucht. Und diese Menschlichkeit ist nicht nur seine Menschwerdung, sondern präzise sein Leiden am Kreuz (60f.).
Mit dieser dreifachen Bestimmung des für unser „Leben in seinem Namen“ Nötigen geht es nun an die Thomas-Perikope, deren konventionelle Interpretation, Thomas sei ungläubig und wolle hier durch Sehen und Berühren und damit unangemessen zum Glauben kommen, Barth bestreitet. Die Thomas-Perikope zeige geradezu umgekehrt, dass die wirkliche, sichtbare, anfassbare Gegenwart Christi eine weitere, die vierte Bedingung dafür sei, dass wir „durch den Glauben das Leben haben in Jesu Namen“ (62). Unser Predigttext und die Thomas-Perikope sind darin verbunden, dass sich die Freude, den Herrn zu sehen (und also zu glauben) (V. 20b), und das Bekenntnis zu ihm (V. 28) entsprechen (62f.). Beides steht in Zusammenhang mit der Aussendung der Jünger und der (durch Anpusten geschehenen) Gabe des Heiligen Geistes (63). Sie werden als „die große Wiederholung und Verkündigung“ des Heilsgeschehens in Christus befähigt und bevollmächtigt. Zu diesem „apostolischen Amt“ gehört auch die Vergebung der Sünde (und deren Versagung); es ist das fünfte Element, das nötig ist für das „Leben in Jesu Namen“ (63). Dem Sehen, Glauben und Ausgesandtwerden der Apostel – des Thomas und der anderen – entspricht gerade nicht unser Weg zum Glauben; wir sehen nicht, sondern verdanken unseren Glauben dem „apostolischen Dienst“ derer, die gesehen haben und von denen die Bibel erzählt. So will uns Christus zum Glauben bringen, dass wir „das Leben in seinem Namen“ haben und als solche seliggepriesen werden. Und entsprechend ist das sechste und wichtigste Element zu diesem „Leben in seinem Namen“: Christi Liebe zu seiner Kirche.
Sehr klare Entscheidung, den Text vom letzten Vers her zu lesen; dadurch klarer Aufbau, klare Intention, nämlich diesen Glauben, durch den das Leben kommt in seinem Namen, zu stärken. Stark finde ich, wie Barth dazu die Thomas-Perikope heranzieht. Weniger überzeugt mich, wie Barth am Ende noch einen weiteren johanneischen sowie einen lukanischen Text anführt – wie dicta probantia, deren es für seinen Beweisgang noch bedürfte. Hier wäre der Prediger wohl besser beim Predigttext geblieben.
Schade, dass die zum biblischen Text gewählten Lieder sowie die Gebete nicht mit überliefert sind; der Grund könnte darin liegen, dass der Pastor loci, Barths Schwager Karl Lindt, Lieder und Gebete verantwortete.
2 Mit Barth auf dem Weg zur eigenen Predigt
Barth predigte an Quasimodogeniti, unsere Predigt ist für den Pfingstmontag bestimmt. So sehr beides von Ostern her bestimmt ist, wir werden die österliche Glaubenserfahrung und Lebensverheißung pfingstlich als geistgewirktes Geschehen darstellen.
Joh 20,19-23 ist Evangelium des Pfingstmontags. Homiletisch interessant wäre es, den johanneischen Text von und mit dem Psalm des Tages, nämlich Psalm 118,24-29 auszuführen: Hier wäre an das „Kommen“ im Namen des Herrn zu denken (vgl. Ps 118,24 mit Joh 20,19), an die Freude (vgl. Ps 118,24 mit Joh 20,20b). Und das „Haus des Herrn“ aus Ps 118 (V. 26b), das dort natürlich den Tempel bezeichnet, könnte sich als dasjenige Haus entpuppen, in dem die Jünger versammelt sind und in das der Auferstandene tritt (Joh 20,19).
Man kann Barths Idee aufgreifen, den letzten Vers – bei Barth V. 31 – zu umspielen. Allerdings wäre dann die Thomas-Perikope zu überspringen und damit vorauszusetzen; sie dazuzunehmen würde zu viel Aufmerksamkeit erfordern. Also ist für dasselbe Vorgehen ein anderer Vers zu wählen. Dazu eignet sich nicht wie in der Barth-Predigt mit dem längeren Perikopentext der letzte Vers, der die Vollmacht zur Sündenvergebung als erste Aufgabe der durch den Auferstandenen mit dem Heiligen Geist ausgesandten Jünger erzählt (V. 23). Der vorletzte Vers mit der Übereignung des Heiligen Geistes verbindet den Predigttext direkt mit dem Proprium des Pfingstmontags (V. 22); und interessant ist hier, dass die Gabe des Geistes der Aussendung folgt und eine somatische Zeichenhandlung (Anblasen) und ein Wortgeschehen ist. Besonders aus dem narrativen Motiv des Anblasens müsste sich doch homiletisch ein Funke schlagen lassen!
Gewissermaßen „barthianischer“ erscheint allerdings die Wahl des mittleren Verses V. 20b über die Freude der Jünger angesichts des Herrn.[1] Hierzu gibt es weitere textliche Beobachtungen: Als Grund der Freude wird das Sehen des auferstandenen Herrn genannt, nicht das Hören. Das ist kontextuell auch deshalb interessant, weil es laut Barth dem Sehen und Glauben des Thomas entspricht (s.o.). Und wichtig ist natürlich, dass der Auferstandene der Gekreuzigte ist, der sich an seinen Wundmalen ausweist. Darüber nachzusinnen, dass Jesus diese Wunden „zeigt“, lohnte vor und in der Predigt.
Das Hinzutreten Jesu (V. 19c), das Barth stark macht, ist ein weiteres Motiv, das ich in der Predigt aufnehmen möchte. Der Friedensgruß V. 19d, den Barth etwas banalisiert, um ihn als Zeichen der Erniedrigung des Auferstandenen zu verstehen, scheint für unsere durch den Krieg in der und gegen die Ukraine und anderswo durchaus aktuelles Potenzial zu haben. Wegen des sehr theologischen johanneischen Begriffes von „Frieden“ (so Joh 14,27) sehe ich indes davon ab, hier allzu schnell eine politische Botschaft zu finden und der Gemeinde darzubieten.
Wie Barth möchte ich die johanneische Notiz „aus Furcht vor den Juden“ übergehen. Dieser exegetisch gerecht zu werden, würde zu viel Gedanken der Predigtperson erfordern und zu viel Aufmerksamkeit der Hörenden beanspruchen. Man kann sogar in homiletischer Verantwortung erwägen, diese Nennung „der Juden“ bei der Verlesung auszulassen. Dass vor der österlichen Lebensbotschaft die Furcht herrscht und diese uns von der Furcht befreit und davor, uns selbst einzusperren, ist allerdings ein kostbarer Pfingstgedanke. Mit der Situation angstvoller Selbsteinschließung werde ich die Predigt rahmen, wobei die Öffnung und Befreiung auf eine narrative Lücke aufsetzt.
Ein detailreicher und homiletisch dankbarer Text also! Hier wie Barth entschieden aus den vielen Textbeobachtungen auszuwählen und mit klarer Entscheidung einen Fokus zu setzen, erscheint mir homiletisch geboten zu sein. Im Predigtprozess versuche ich, alle Details zu meditieren, werde mich dann aber für ein Motiv entscheiden müssen.
Anders als Barth möchte ich keine Homilie-Passagen bieten mit Wort-für-Wort-Interpretationen. Die narrativen Züge des Textes sind so stark, dass nicht auf weitere Erzählungen wie die Thomas-Perikope (oder auf weitere Evangelientexte wie am Ende der Barth-Predigt) Bezug genommen werden soll. Auch stehen explicatio und applicatio bei Barth nebeneinander, obwohl die Auslegung schon transparent für unsere Erfahrungen gestaltet wird; ich möchte beides noch stärker miteinander verweben, um nicht in die Verlegenheit zu kommen, immer auch behaupten zu müssen, dass das Gesagte irgendwie auch belangreich sei für uns.
Der genannte „erste Wochentag“ bietet die Versuchung, ihn als Montag, nämlich den Pfingstmontag zu bezeichnen; das wäre bekanntlich falsch, da es sich beim „ersten Tag der Woche“ biblisch um den Sonntag handelt.
Die folgende Predigt ist verhältnismäßig knapp und verträgt oder erfordert es, dass für die Situation des Verschlossenseins (im Herzen, im Haus, in der Kirche) und für die Befreiung daraus durch einen hinzutretenden Christus Konkretionen ausgeführt werden.