Pfingstmontag – Predigt Karl Barths

BIBELTEXT

Erscheinung vor den Jüngern und vor Thomas (Joh 20,19-31)

19Es war am Abend eben jenes ersten Wochentages – die Jünger hatten dort, wo sie waren, die Türen aus Furcht vor den Juden verschlossen -, da kam Jesus und trat in ihre Mitte, und er sagt zu ihnen: Friede sei mit euch! 20Und nachdem er dies gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und die Seite; da freuten sich die Jünger, weil sie den Herrn sahen. 21Da sagte Jesus noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. 22Und nachdem er dies gesagt hatte, hauchte er sie an, und er sagt zu ihnen: Heiligen Geist sollt ihr empfangen! 23Wem immer ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr sie festhaltet, dem sind sie festgehalten. 24Thomas aber, einer der Zwölf, der auch Didymus genannt wird, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. 25Da sagten die anderen Jünger zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er aber sagte zu ihnen: Wenn ich nicht das Mal der Nägel an seinen Händen sehe und nicht meinen Finger in das Mal der Nägel und meine Hand in seine Seite legen kann, werde ich nicht glauben. 26Nach acht Tagen waren seine Jünger wieder drinnen, und Thomas war mit ihnen. Jesus kam, obwohl die Türen verschlossen waren, und er trat in ihre Mitte und sprach: Friede sei mit euch! 27Dann sagt er zu Thomas: Leg deinen Finger hierher und schau meine Hände an, und streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! 28Thomas antwortete und sagte zu ihm: Mein Herr und mein Gott! 29Jesus sagt zu ihm: Du glaubst, weil du mich gesehen hast. Selig, die nicht mehr sehen und glauben! 30Noch viele andere Zeichen hat Jesus vor den Augen seiner Jünger getan, die in diesem Buch nicht aufgeschrieben sind. 31Diese hier aber sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und dadurch, dass ihr glaubt, Leben habt in seinem Namen.


BARTH-Predigt 1937

Liebe Gemeinde!

« … daß ihr durch den Glauben das Leben habet in seinem Namen», so hörten wir zuletzt. Ihr! Ihr Menschen aller Zeiten, also auch ihr Menschen dieser Zeit, ihr Alten mit euren frohen und bedrängenden Erinnerungen und Erfahrungen und ihr Jungen mit eurem Lebensmut und eurer Unbefangenheit, ihr Skeptischen und Zweifelnden und ihr Frommen, ihr Oberflächlichen und ihr Grübler und Tiefsinnigen, ihr alle in eurem Privatleben, wie es den Menschen bekannt und wie es ihnen unbekannt ist, und ihr alle in eurem Stand und Beruf inmitten der Öffentlichkeit und des Gemeinschaftslebens. Durch den Glauben, das heißt durch das Ja eures Herzens, das Ja eures Vertrauens und eures Gehorsams, ein Ja ohne Vorbehalt mit allen Konsequenzen, ein 111 Ja, das nicht aus eurem Herzen stammt, aber das mit Gewalt in eure Herzen hineinkommt und eure Herzen mit sich nimmt. Daß ihr durch den Glauben das Leben habet! Ein Leben, das das Gericht und den Tod schon hinter sich hat in der Hoffnung, ein Leben, das darum gelebt wird als ein Leben derer, die getröstet sind alle Tage, die behütet sind in aller Versuchung und Gefahr und aufgerichtet in allem Fallen und Darniederliegen. Daß ihr das Leben habet durch den Glauben in seinem Namen. In diesem anderen, fremden, heiligen Namen dies alles, dieses Leben durch den Glauben! Dies alles also gegeben und begründet, dies alles wahr und wirklich durch ihn, der diesen anderen, fremden, heiligen Namen trägt: Jesus Christus.

Kommt es denn aber auch tatsächlich dazu, daß ihr, daß wir durch den Glauben das Leben haben in seinem Namen? Wir schauen hinaus auf die Plätze und Straßen dieser Stadt, und wir denken an das, was geschieht auf den Straßen und Plätzen der Städte dieser Erde. Wir blicken empor zu den Bergen unserer Heimat, und wir treten im Geist an die Ufer des Meeres und lauschen seiner Brandung. Wir schlagen die Bücher der alten und der neuen Menschengeschichte auf bis auf die Geschichte dieser Tage, und wir blicken schließlich ein jeder hinein in sein eigenes Herz und in die Geschichte seines persönlichen Lebens. Was sehen wir da und was hören wir da? Auf alle Fälle nicht, in keinem dieser Bereiche: wie es dazu kommt, daß wir durch den Glauben das Leben haben in seinem Namen. Wie sehr wir auch hinsehen und hinhören mögen, auf diese Frage ist keine Stimme noch Antwort in allen diesen Bereichen. Nun aber haben wir in unserem Text auf diese Frage eine merkwürdige Stimme erklingen hören: «Daß ihr glaubet, Jesus sei Christus, der Sohn Gottes, und daß ihr durch den Glauben das Leben habet in seinem Namen», dazu sind durch ihn diese Zeichen geschehen, und darum mußten diese Zeichen beschrieben werden in einem Buch, im Evangelium, auf daß, wie es im ersten Johannesbrief am Anfang heißt, «eure Freude völlig sei» [ 1. Joh. 1, 4]. Das ist die Antwort. — Und nun laßt uns hinhören auf das, was dieser Antwort in unserem Text vorangeht, damit es uns vielleicht gelingen möchte, sie in ihrer Rätselhaftigkeit zu verstehen. Kein Zweifel: Wir haben es hier mit höchst unfaßlichen und höchst überraschenden Dingen zu tun!

Zweimal hörten wir in der Verlesung: Jesus trat mitten ein. Von einer Mitte und also von einem Kreis von Menschen ist hier die Rede. Und von Jesus, der in diese Mitte tritt. Meine Freunde, wir dürfen nicht ungeduldig und wir dürfen nicht enttäuscht sein, wenn nun zuerst ganz und gar nicht etwa von uns hier die Rede sein sollte, sondern von einem geschlossenen Kreis ganz anderer Menschen einer ganz anderen Zeit und einer ganz anderen Welt und Umgebung als der unseren. Es sind die zwölf berufenen Apostel Jesu Christi, von denen hier die Rede ist. Die zwölf Apostel, in welchen die Geschichte der zwölf Stämme Israels zu ihrem Ende und ihrem Ziel gekommen ist. Zu diesen zwölf Aposteln ist Jesus gekommen, zu diesen Menschen und zu keinem anderen. Zu diesen Menschen, zu denen wir zunächst nicht gehören, so wenig wir zu den zwölf Stämmen Israels gehören. Zu ihnen trat Jesus. Und keiner von ihnen durfte fehlen, wie wir nachher aus der Geschichte des Thomas hören. Also zum ersten: Es bedarf dieser Apostel, dieser auserwählten Menschen dazu, daß ihr, daß wir durch den Glauben das Leben haben in seinem Namen. Wohlverstanden: es bedarf nicht nur unseres guten Willens, damit das wahr werde, es bedarf auch nicht etwa nur Gottes und unseres Herrn Jesus Christus dazu, es bedarf auch dieser ganz bestimmten Menschen, in deren Mitte Jesus hier getreten ist.

Wir lesen weiter zweimal in diesem Text, daß Jesus in ihre Mitte getreten sei, da, die Türen verschlossen waren. Also er ist nicht zu ihnen gekommen, wie ein Mensch zu anderen Menschen kommt. Gewiß, sein Leib hat nicht in einem unbegreiflichen Mirakel die Wände und die Türen durchdrungen, sondern er ist so zu ihnen gekommen, wie Gott zu den Menschen kommt. Aber so, in der Allmacht und Größe und Majestät Gottes ist er ihnen gegenwärtig gewesen als der Herr über Zeit und Raum, in einem von allem geschöpflichen Leben verschiedenen neuen Leben und Dasein, dem Dasein des Herrn des Himmels und der Erde. — Also dazu, daß wir durch den Glauben das Leben in seinem Namen haben, bedarf es zweitens dort im Kreis jener Menschen, jener zwölf Apostel, Gottes selber, bedarf es seiner Allmacht, seiner Verborgenheit und seiner Wirklichkeit. Es bedarf dessen, daß er auf Erden Wunder tue und seine Zeichen aufrichte und die Grenze sichtbar mache zwischen seinem Leben und Wesen und dem des Geschöpfs, des Menschen. Und dieses Wunder geschieht, und diese Zeichen werden gesetzt, und diese Grenze wird gezogen: Jesus trat in ihre Mitte, da die Türen verschlossen waren.

Wir lesen weiter nicht weniger als dreimal in unserem Text, daß Jesus seine Jünger gegrüßt habe mit dem Gruß: Friede sei mit euch! Ein schöner Gruß, nicht wahr? Und wir könnten uns wohl versucht fühlen, dabei nun zu verweilen und dem nachzudenken: Friede sei mit euch! Aber dieses Wort steht nicht darum in diesem Text, weil es so schön ist, sondern ganz einfach darum, weil dieser Gruß der übliche, der alltägliche Gruß der jüdischen Menschen der damaligen Zeit gewesen ist. Daß Jesus seine Jünger grüßte mit diesem Gruß, der keine andere Bedeutung hatte, als wenn wir einander Guten Tag! wünschen, das ist das Zeichen und die Verwirklichung dessen, daß es das leibhaftige Dasein Gottes im Kreise dieser Menschen und nicht etwa das Vorhandensein eines menschlichen Gedankens in ihren Herzen und Köpfen gewesen ist, nicht etwa das Dasein einer Einbildung, einer Vision und Illusion, die ihnen widerfahren wäre. Sie haben nicht ein Gesicht gehabt, und sie haben nicht ein Gespenst gesehen, sondern ein Mensch ist zu ihnen getreten, der ihnen wohlbekannte Mensch: Jesus von Nazareth. Das ist es also drittens, dessen es bedarf, damit wir durch den Glauben das Leben haben in seinem Namen: Gottes Menschlichkeit dort im Kreise jener Menschen, der Apostel. Es bedurfte dieser unbegreiflichen Herablassung Gottes, daß er in seiner ganzen Erhabenheit und Majestät, und ohne auch nur das Kleinste zu verlieren und preiszugeben, wurde, was wir sind und wie wir sind: ein Mensch.

Aber nun kommen wir erst zu dem eigentlich Entscheidenden: Jesus trat in ihre Mitte, und er zeigte ihnen seine Hände und seine Seite. Daß Gott Gemeinschaft hält mit Menschen, ja sogar, daß es eine Einheit von Gott und Mensch gibt, ja sogar, daß Gott Mensch wird, das wußten und das wissen auch die Philosophen, das wußten und das wissen auch die Religionen der Heiden. Hier aber haben wir es mit etwas Besonderem, etwas Anderem und Neuem zu tun gegenüber all dem, was Menschen sich Wahres und Unwahres über die Gemeinschaft von Gott und Mensch schon zu sagen wußten. Denn der Gott, der dort114 nach dem Zeugnis unseres Textes wunderbar zu den Aposteln kommt, der sie dort grüßt als Mensch, das war der Mensch, den sie am Karfreitag vor den Toren Jerusalems in Marter und Schande sterben sahen.

Das war der Mensch, den sie zu Grabe tragen sahen. Das war der Mensch, der wirklich und wahrhaftig vom Tode verschlungen war. Seht, das ist Gottes Herablassung zum Menschen, auf Grund deren es eine wirkliche Gemeinschaft von Gott und Mensch gibt. Und das ist Gottes Herablassung zum Menschen. Denn der früher oder später vom Tod verschlungene, der mit der Schuld und Sünde bedeckte und durch ihre Strafe gezüchtigte Mensch, das ist der wirkliche, der wahre Mensch. Und eben als dieser Mensch steht Gott jetzt vor den Aposteln, so grüßt er sie. Wohlverstanden: als einer von ihnen, wie sie in dem schandbaren Kleid der menschlichen Sünde und Not, mit den Zeichen seiner furchtbaren Demütigung, mit den Malen seiner Wunden und seines Todes. So stand der lebendige Gott dort vor ihnen. Aber eben als dieser gezeichnete Mensch nun sichtbarlich über dem Tod und über der Sünde. Als der Tod ihn verschlungen, da — wie sollte es anders sein? — wurde der Tod von ihm verschlungen. Als Sieger über den Tod, der der Herrscher alles Menschlichen ist, stand Jesus dort vor ihnen, nahte er ihnen, trat er in ihre Mitte und grüßte sie. Das ist es, was die Apostel dort gesehen, jawohl: gesehen haben.

Wir müssen nun von Thomas reden. Meine Freunde, ich meine (und ich bitte euch, darüber nachzudenken und an der heiligen Schrift das Gesagte zu prüfen), daß die Auslegung dieser unserer Stelle fast allgemein eine unrichtige ist. Man pflegt gern im Anschluß an diese Stelle vom zweifelnden, vom ungläubigen Thomas zu sprechen. Man pflegt also diese Stelle so zu verstehen, als sollte Thomas hier getadelt werden. Wenn man genau liest, was eigentlich hier steht, kann man bei dieser Auffassung nicht bleiben. Was tut denn Thomas? Wir hören: Er will sehen, er will nicht nur hören, was die anderen ihm sagen. Er will selber sehen. Tut er damit ein besonderes Unrecht? Wie ist es denn mit den anderen Jüngern dort gewesen? Auch sie haben nicht geglaubt, bevor sie gesehen haben. Und weiter: wenn es nun heißt von ihm, daß er Jesu Wundmale betasten wollte mit seinen Händen, so ist auch das wiederum nicht etwas Unrechtes, nicht eine Zudringlichkeit, nicht ein Beweis besonders schwachen Glaubens. Wir hören auch, daß ihm das, was er verlangt, gewährt wird, daß Jesus ihn darauf anredet: Ja, strecke deine Hände aus und lege sie in meine Nägelmale! Am Anfang des ersten Johannesbriefes steht eine merkwürdige Stelle, die fast darauf schließen lassen möchte, daß der Apostel dort diese Thomasgeschichte vor Augen hatte: «Das da von Anfang war, das wir gehört haben, das wir gesehen haben mit unseren Augen, das wir beschaut haben und unsere Hände betastet haben, … das verkündigen wir euch» [ 1. Joh. 1, 1. 3a]. Und eben der Weg, von dem Thomas erklärt, daß dies der einzige Weg sei, der ihn bewegen könne, zu glauben, das ist der Weg, den Jesus selbst ihm anzeigt. So wird er vom Unglauben zum Glauben geführt: Sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Und diesen Weg, den Thomas hier geführt wird, ihn bestätigt Jesus nachher: «Dieweil du mich gesehen hast, glaubst du.» Es will mir scheinen, daß die ganze Gestalt des Thomas in dieser Geschichte es ganz und gar unmißverständlich, ganz unzweideutig machen will: wenn wir glauben sollen, dann bedarf es dazu dessen, daß Gott jenen Menschen begegnete in unserem Fleisch als der, der sich selbst erniedrigt hat [vgl. Phil. 2, 8] und der als Gott erhöht und verklärt ist. Es bedarf also viertens dazu, daß wir durch den Glauben das Leben haben in seinem Namen, der wirklichen, der leiblichen Gegenwart des gekreuzigten und auferstandenen Heilandes Jesus Christus in der Mitte seiner Apostel. Ohne das gäbe es kein Apostolat, ohne das gäbe es keine Kirche, ohne das gäbe es keine Möglichkeit für uns, durch den Glauben das Leben zu haben in seinem Namen.

Bis hierher hörten wir, was Jesus unter seinen Aposteln gewesen ist und was er für sie getan hat. Unser Text enthält noch zwei Mitteilungen über das, was von den Aposteln selbst in diesem Zusammenhang zu sagen ist. Wir lesen: die Jünger wurden froh, daß sie den Herrn sahen. Und entsprechend dieser Freude der Jünger hören wir den Thomas in das Bekenntnis ausbrechen: Mein Herr und mein Gott! Diese Freude und dieses Bekenntnis gehören zusammen, sie sind eines und dasselbe, die Freude des Glaubens und das Bekennen des Glaubens. Das Bekenntnis des Thomas spricht es aus: Wir haben in dir, wir herrenlosen Menschen, wir haben in dir unseren Herrn gefunden. Unseren Herrn, über und neben dem es keinen anderen Herrn gibt. Unseren Herrn, den wir unseren Gott nennen müssen. Es heißt: Mein Herr und mein Gott! Nicht irgend ein Herr und irgend ein Gott ist hier angeredet, sondern der, dem wir zugehören. — Diese Freude des Glaubens und diese Freude des Bekennens, sie kommt nicht aus den Herzen dieser Menschen. Sie mußte in ihre Herzen kommen, wie sie auch in unsere Herzen kommen muß, von außen, von dem her, an den wir glauben. Wir denken an das Bekenntnis des Petrus: «Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes» [ Mt. 16, 16]. Ihm wird geantwortet: «Fleisch und Blut hat dir das nicht geoffenbart, sondern mein Vater im Himmel» [ Mt. 16, 17]. Es ist ein Wunder Gottes, wenn es zu dieser Freude kommt. Es kommt aber dazu, das Wunder geschieht: in den Aposteln sehen wir Menschen, die von dieser Freude erfüllt sind und denen dieses Bekenntnis auf den Lippen liegt. Jetzt erst schließt sich der Kreis. In diesem Bekenntnis gehören sie zusammen. Zu diesen Menschen, zu diesen seinen Aposteln sagt Jesus: «Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch!» Und wie er das gesagt hatte, blies er sie an und sprach: «Nehmet hin den Heiligen Geist! Welchen ihr die Sünden erlasset, denen sind sie erlassen; und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.» Beachten wir, daß das alles zu den Aposteln gesagt ist. Diese Menschen haben ihn gehört, sie haben ihn gesehen, sie haben ihn betasten dürfen, sie waren erfüllt von jener Freude, und sie haben ihn bekannt als ihren Herrn und Gott. Und so wurden sie eingesetzt, mit ihrem Leben, mit ihrem Leiden und Tun eine Wiederholung, die große Wiederholung und Verkündigung dessen zu sein, was in Jesus Christus und durch ihn ein für allemal geschehen ist. So werden sie ausgesandt, so werden sie befähigt und instandgesetzt zu ihrer Sendung: Er blies sie an und sprach zu ihnen: Nehmet hin den Heiligen Geist! Und so werden sie bevollmächtigt zu ihrem unendlich bedeutsamen Amt: «Welchen ihr die Sünden erlasset, denen sind sie erlassen; und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.» Was für eine unerhörte Auszeichnung, die hier diesen Menschen widerfährt! Was für eine Würde bekommen sie und was für eine Wichtigkeit für uns alle! Nicht diese Männer als solche: sie waren Menschen wie wir auch. Aber diese Männer in ihrer einzigartigen Stellung zu Jesus Christus, diese Männer in ihrem Auftrag und in ihrem Amt. — Was sollen wir dazu sagen, als uns in Bescheidenheit fügen in die hier sichtbar werdende Anordnung Gottes, die ja zugleich die Anordnung dazu ist,daß wir durch den Glauben das Leben haben in seinem Namen! Dazu bedarf es fünftens dessen, was hier beschrieben ist, dazu bedarf es des apostolischen Amtes, das hier aufgerichtet worden ist und das diese Menschen nicht sich selber verdient und genommen haben, sondern das ihnen aus Gnade gegeben ist.

Und nun können wir die Worte, mit denen Jesus sich an Thomas wendet, verstehen: «Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!» Diese Worte bedeuten keinen Tadel für Thomas. Wie sollten sie? Die anderen Jünger haben auch gesehen, und eben das macht sie zu Zeugen seiner Auferstehung, zu Aposteln. Aber das hören wir nun allerdings aus diesen Worten Jesu, daß diese Menschen, daß die zwölf Apostel gerade in ihrer Einzigartigkeit, in der sie sich von uns allen unterscheiden, nun doch nur eingesetzt sind zu Dienern, zu solchen, die Jesus helfen sollen in seinem großen Werk, in dem Werk, von dem wir alle leben. Darum heißt es nicht etwa: Selig bist du, Thomas, der du dies alles hast erfahren und erleben dürfen!, sondern: «Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!» Wir denken an 1. Petr. 1, 8: «Welchen ihr nicht gesehen und doch lieb habt und nun an ihn glaubet, wiewohl ihr ihn nicht sehet, und werdet euch freuen mit unaussprechlicher und herrlicher Freude!» Meine Freunde, das ist zu uns und von uns gesagt. Im Evangelium des Lukas steht eine Geschichte zu lesen, an die wir hier erinnert werden. Eine Frau tritt zu Jesus und bricht in die Worte aus: «Selig ist der Leib, der dich getragen, und die Brüste, die du gesogen!» [ Lk. 11, 27]. Und Jesus antwortet ihr: «Ja, selig sind, die das Wort Gottes hören und bewahren!» [ Lk. 11, 28]. Er blickt über Maria gleichsam hinaus, die ja nur den Dienst getan hatte für alle, die an seinem Leben teilhaben werden. Und wie dort über Maria, blickt er hier über seine Apostel hinweg auf jene, die nach ihnen kommen. Und wir dürfen es aus seinem Munde hören: daß größer als die Herrlichkeit der Apostel unsere Herrlichkeit sein soll, die Herrlichkeit derer, die durch das Wort der Apostel gerufen sind zum Glauben. Daß wir durch den Glauben das Leben haben in seinem Namen, dazu bedarf es also zum letzten der unbegreiflichen Liebe Jesu Christi als des Hauptes seiner Kirche zu diesem seinem Leibe, zu welchem wir versammelt sind und dessen Vorbild die zwölf Apostel sind, die dort den Auferstandenen gesehen haben. Von uns ist es gesagt, indem es zu ihnen gesagt ist: «Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!» Gott schenkt es uns, zu glauben, seinem Wort zu glauben, ohne zu sehen, und durch den Glauben an den Sohn Gottes das ewige Leben zu haben! Amen.

aus: Karl Barth, GA, Bd. 26: Predigten 1935-1952, hg. v. Hartmut Spieker, Hinrich Stoevesandt, Zürich 1996, 63-72 (Fußnoten wurden nicht übernommen)